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Die heilige Barbara - geköpft vom eigenen Vater

Geköpft vom eigenen Vater-Die heilige Barbara

Historisch Gesichertes wissen wir von der heiligen Barbara sehr wenig. Die Forschungsliteratur ist ungeordnet. Was über Barbara bekannt ist, entstammt ausnahmslos der Heiligenerzählung, der Legende. Aber auch Legenden enthalten „Wahrheiten”, die es zu entschlüsseln lohnt.

Nazarener Stich aus dem Jahr 1848.
Bestand: Dr. Manfred Becker-Huberti, Köln.

Der Gedenktag der heiligen Barbara wird am 4. Dezember begangen. Die Legende nennt als Zeitpunkt ihres Martyriums und Todes die Regierungszeit des Kaisers Maximinus Daia (305, 310 - 313) und Nikomedien als Lebensraum, also das östlich vom damaligen Konstantinopel (heute: Istanbul) gelegene Gebiet. Die Entstehung der Legende scheint vor dem 7. Jahrhundert im byzantinischen Raum zu liegen. Über Byzanz gelangt die Legende um 700 nach Italien, von wo aus um 1000, als die Türken Kleinasien überrennen, die Reliquien „in Sicherheit” gebracht werden.  Die Reliquien gelangen in das Kloster S. Giovanni Evangelista in Torcello. Die Goldene Legende, die „Legenda aurea”, erwähnt im 13. und 14. Jahrhundert die heilige Barbara noch nicht. In liturgischen Heiligenkalendern ist sie aber schon nachweisbar. Wohl erst im 15. oder 16. Jahrhundert wurde die „Legenda aurea” um die heilige Barbara ergänzt. Das ist auch der Zeitpunkt, wo sie in der Volksfrömmigkeit den „heiligen” Daniel, den Propheten Daniel, ablöst, der bis dahin Patron der Bergleute war, weil er nach den Heiligen Schrift in der „Löwengrube” gesessen hatte (Dan 6,2-29). Seit dem 14. Jahrhundert wurden die Bergbaugebiete in Sachsen, Schlesien und Böhmen besondere Kultlandschaften der heiligen Barbara; die Verehrung in den Alpen, mit Ausnahme in Tirol, stammt überwiegend aus der Gegenreformation des 17. und 18. Jahrhunderts. Im Ruhrgebiet fand die Barbaraverehrung Einzug mit den Bergarbeitern im neu eröffneten Bergbau.

Was die Legende berichtet

Kurz gefasst erzählt die Legende von einer schönen Tochter namens Barbara, der ihr Vater Dioskuros alles angedeihen ließ, was ein wohlhabender Kaufmann seinem Kind bieten konnte: Ein schönes Zuhause, eine gute Ausbildung und die Erfüllung vieler Wünsche. Dies alles unternahm der heidnische Vater, damit seine Tochter nicht Christin wurde oder sich zu einer Heirat verleiten ließ, die gegen seine Absicht war. So durfte das Mädchen in einem Turm ihre Wohnung einrichten. Sie wurde von guten Lehrern unterrichtet. Von einem Lehrer, einem Freund des bekannten Schriftstellers Origines, erfuhr sie vom Christentum und ließ sich taufen. Um einen eigenen Betraum zu haben, der auch Treffpunkt für andere Christen sein sollte, erbat Barbara von ihrem Vater die Einrichtung eines Badezimmers. Auch diesen Wunsch erfüllte der Vater. Barbara ließ zu den beiden Badezimmerfenstern ein drittes fügen  - als Lob des dreifaltigen Gottes.

Als ein junger Mann die Hand seiner Tochter begehrte, war Dioskuros nicht abgeneigt, weil derjenige von gleichem Stand und Vermögen war. Barbara aber war wenig geneigt und der Vater bedrängte sie nicht, weil er eine weite Reise unternehmen musste und auf Zeit setzte. Aber als er, wieder zurückgekehrt, seinen alten Plan verfolgte, eröffnete ihm Barbara, dass sie nicht daran denke, einen Heiden zu ehelichen, weil sie Christin sei. Ihr Vater reagierte jähzornig und unerbittlich: Vor die Wahl gestellt, den heidnischen Kandidaten zu heiraten oder grausam bestraft zu werden, floh sie vor dem Vater, der sie mit gezücktem Schwert verfolgte.

Auf der Flucht öffneten sich Barbara die Felsen und bargen sie. Ein Hirt hatte dies beobachtet und verriet sie an ihren Vater, der sie nach Hause schleppte und schwer misshandelte. Als alle seine Torturen nichts halfen, brachte er Barbara vor den Landpfleger Martian, der sie nach Reichsrecht aburteilen - also wegen Hochverrats zum Tode bestimmen sollte. Als alle Schmeicheleien Martians nicht halfen, ließ er sie derart durchprügeln, dass Barbaras Haut nur noch aus rohem Fleisch bestand und niemand mehr glaubte, sie werde die Nacht im Verließ überstehen. Aber, so erzählt die Legende, ein Engel des Herrn heilte in der Nacht alle ihre Wunden und versprach ihr Beistand bei allen noch zu erwartenden Qualen. Gott wollte Martian und Dioskuros durch sein Wunder bekehren. Martian aber schrieb die unerklärliche Heilung den Göttern zu. Barbara hielt ihm entgegen: „Nein, nein! Holz und Steine, aus dem deine Götter gefertigt sind, können das nicht. Dies ist ein Werk des Herrn des Himmels und der Erde, den ich als den einzigen wahren Gott anerkenne, für dessen Ehre ich zu sterben bereit bin.” Erneut wurde Barbara schwer misshandelt. Barbara blieb standhaft und betete: „Deine Hand, o Herr verlasse mich nicht. In dir kann ich alles, ohne dich vermag ich nichts.” Martian verurteilte Barbara zum Tode durch Enthauptung.

Dioskuros, der alle Qualen seiner Tochter mit angesehen hatte, erbat vom Landpfleger die zweifelhafte Gnade, die Rolle des Scharfrichters übernehmen zu dürfen. Unter ständiger Geißelung trieb man die nackte Barbara auf einen Hügel, wo sie hingerichtet werden sollte. Ehe Barbara ihren Kopf ihrem Henker und Vater neigte, dankte sie öffentlich für die ihr verliehene Gnade und aus den Wolken lud sie eine Stimme zur ewigen Belohnung ein. In späteren Zeiten fügen die Legenden ein, der Heiligen sei in diesem Moment versprochen worden, dass kein Mensch, der sie anrufe, ohne Sterbesakramente sterben werde. Ihr Vater schlug ihr den Kopf ab. Auf dem Nachhauseweg wurde der grausame Vater vom Blitz erschlagen. Dies alles soll an einem 4. Dezember geschehen sein.

Die Heilige als Garantin für den Empfang der Sterbesakramente

In Zeiten, in denen die Menschen von einem strengen Richter-Gott ausgingen, war das tägliche Gebet zur heiligen Barbara wegen der Verheißung zwingend. Dies erklärt auch die enorme Popularität dieser Heiligen bis in unsere Tage. Nach dem II. Vatikanischen Konzil wurde Barbara aber als historisch nicht gesicherte Heilige nicht mehr im Römischen Heiligenkalender geführt. Ihrer kulturhistorischen Bedeutung wegen wurde ihr Gedenktag aber in den Regional-Kalender für das deutsche Sprachgebiet als nicht gebotener Gedenktag (memoria ad libitum) aufgenommen.

Schon in vorchristlicher Zeit war der 4. Dezember ein besonderer Tag: Frau Holle, Bertha, Perchta, Holda und andere verzauberten Gestalten erschienen am Vortag und erschreckten die Menschen. Barbara gilt besonders als Patronin der Sterbenden, zugleich aber auch der Bergleute - laut Legende öffnete sich während ihrer Flucht vor dem Vater ein Felsen und verbarg sie -, Artilleristen, Baumeister, Turmwächter, Feuerwehrleute, Glockengießer und Glöckner. In Basel und St. Gallen feuern die Artilleristen am 4. Dezember beim Barbaraschießen 22 Kanonenschüsse zu Ehren der Heiligen ab. In Niederösterreich finden in Artilleriekasernen die oft ungezügelten Barbarataufen für junge Offiziere statt. Barbara-Essen veranstalten die ehemaligen Artilleristen. Die Bergleute begingen früher den 4. Dezember als Feiertag mit Hochamt und festlichem Mahl: Bergmanns-Kapellen in Knappenuniformen begleiteten den Tag. In Niederösterreich tragen die Frauen beim Kirchgang Barbarazweige, die während der Messfeier geweiht werden.

Barbara-Brauchtum

Barbara bildet mit Katharina und Margareta die Gruppe der „drei heiligen Madeln” (Bauernpatroninnen) unter den 14 Nothelfern. Ergänzt um die heilige Dorothea bilden die vier Frauenheiligen die „quattuor virgines capitales”, also die vier besonders heiligen Jungfrauen. Die mittelalterliche Verehrung belegen Barbaraspiele ebenso wie weit verbreitete künstlerische Darstellungen meist mit Turm und Kelch, aber auch mit Hammer, Fackel, Schwert als Marterinstrumente, später auch mit Bergmannswerkzeugen und sogar mit Kanonenkugeln. Im Burgenland ist die Tellersaat des Barbara-Weizens als „winterliches Grün” bekannt, andernorts heißt man es Adonisgärtlein. Man streut Weizen- oder Gerstenkörner auf einen flachen Teller, begießt sie mit Wasser und stellt das Ganze an einem geschützten Ort warm. Zu Weihnachten ist die Saat aufgegangen und bildet einen dichten grünen Busch, in den man als Hinweis auf das „Licht der Welt”, eben Christus, eine Kerze stellt. Bis heute werden am Barbaratag von Obstbäumen Zweige geschnitten und ins Wasser gestellt. Sie sollen zu Weihnachten blühen und den Glanz verdeutlichen, die die Geburt des Erlösers in die Nacht der Sünde gebracht hat. Verwendet werden vor allem: Weichsel, Apfel, Birne, Pflaume, Flieder, Linde, - heute nimmt man auch Äste von Mandelbäumchen, Forsythie, Jasmin, Weide und Rosskastanie. In den Alpen nennt man die Barbarazweige „Barbarabaum”. In Niederösterreich erhielt früher jedes Familienmitglied einen eigenen Zweig, um daraus sein Glück ableiten zu können. Beim Schneiden der Zweige sollten bestimmte Regeln eingehalten werden. In Böhmen durfte man nur mit dem Hemd bekleidet und mit vom Baum abgewandtem Gesicht schneiden, andernorts nur während des Vesperläutens. Am Barbaratag umwand man früher die Obstbäume mit Stroh, weil man sich von diesem Brauch reichlichen Fruchtsegen erhoffte. Das Strohband sollte die Bäume vor dunklem Zauber bewahren. Auch Wetterorakel gab es am Barbaratag: Gibt Sankt Barbara Regen, bringt der Sommer wenig Segen.

Die Wahrheit der Legende

Worin besteht aber nun die Wahrheit der Legende? Welche Aussagen teilen uns einen Sinn mit, der die Zeiten überdauert?

Das Mittelalter und die vergangenen Jahrhunderte haben weniger nach dem verborgenen Sinn gefragt. Ihnen war die Verheißung wichtig: Wer die heilige Barbara anruft, wird nicht ohne Sterbesakramente sterben. Die heilige Barbara war die Garantie für den Eintritt in das himmlische Paradies. Den Bergleuten war darüber hinaus wichtig, dass der Heiligen sich die Felsen öffneten, durch ihre Fürsprache die gefährliche Arbeit unter Tage nicht zur Todesfalle wurde. Was soll es sonst noch an versteckter Wahrheit geben?

Wir haben uns so sehr an den Namen der Heiligen gewöhnt, dass wir die alte Bedeutung ihres Namens kaum mehr erkennen. Betonen wir ihn einmal anders, nämlich als „Barbára”, dann hören wir wieder den Sinn. „Die Fremde” wäre eine bloß höfliche Übersetzung, „die wilde, ungebildete Andere” trifft den Sinn eher. Barbara ist wohl ursprünglich kein Rufname, sondern ein Spitzname, der dem wirklichen Rufnamen hinzugefügt wurde: Barbarin. Die Heilige wird gekennzeichnet als eine Andersartige, nicht Eingegliederte, die auf die Menschen fremd wirkte. Sie war in ihrer damaligen Gesellschaft wohl eine Geächtete.

Und - auf die Gegenwart bezogen - können wir uns fragen: Sind wir selbst nicht auch manchmal fremd in dieser Welt? Fühlen wir uns immer verstanden, angenommen, integriert - sei es als Privatleute, sei es als Berufsstand? Macht uns der Abbau der Schwerindustrie in Deutschland, die Aufgabe von Bergwerken, nicht fremd im eigenen Land? Die meisten von uns haben gelernt, dass sich der Mensch durch seine Arbeit definiert. Ist der Verlust von Arbeitsplätzen vor dem 65. Lebensjahr, die so genannte Freistellung, ein Prozess, der unser Selbstwertgefühl ins Ungleichgewicht bringt? Wie gehen wir selber mit „den Fremden” um? Ist nicht gerade das Ruhrgebiet ein Beleg dafür, dass die Integration anderer Nationen – erwähnt sei das Beispiel der historischen Integration der Kumpels aus dem Osten - funktionieren kann? Wieso fällt uns heute die Einbeziehung der Menschen anderer Nationen, die wir nach Deutschland gelockt haben, so schwer?

Eine zweite Wahrheit. In der Legende der heiligen Barbara spielt der Turm eine Rolle. Er ist das „Rückzugsgebiet” der Heiligen, gibt ihr Sicherheit. Sie möchte durch die Fenster im Turm ihre Weltsicht verdeutlichen. Es ist ihr nicht egal, wie sie in die Welt hinaus sieht. Es ist ihr auch nicht egal, wie sie von der Welt gesehen wird. Der Turm ist in der Antike und im Mittelalter das befestigte Haus des Adels, der eben nicht ohne Grund zu der Anrede „Hochwohlgeboren” gekommen ist. Den Kern unserer Burgen bilden die Burgtürme, die Bergfriede; in Italien sind die Adelstürme der städtischen Adelsresidenzen noch heute eine Attraktion. Wer auf den Zinnen des Turms steht, hat den Überblick, kann unbeholfenen Angriffen leicht trotzen. Aber der widerstandsfesteste Turm ist auf die Dauer nichts wert, wenn er keinen Brunnen in die Tiefe hat. Der freie Zugang zum Leben spendenden Wasser macht den Turm erst zum Lebensretter. Äußerlich sichtbar ist bloß der Turm, der Tiefgang ist verborgen.

Einerseits ist der Turm ein Bild für die - heute nicht hoch im Kurs stehende - Jungfräulichkeit, die die heilige Barbara nicht aufgeben will. Allgemeiner ist der Turm der Hinweis auf die Standfestigkeit. Nicht das Bollwerk gibt Stärke, sondern seine Verwurzelung. Ein Baum, dessen Pfahlwurzelwerk in die Tiefe reicht, bietet dem Sturm Widerstand, der Flachwurzler wird leicht entwurzelt. Welche Wurzeln haben wir? Wie tief reicht unsere Bindung? Was trägt uns, wenn uns nichts mehr zu halten scheint? Woher beziehen wir unsere Standfestigkeit? Sind wir - bildlich gesprochen - Flach- oder Tiefwurzler?  Sind wir für andere ein „Turm”? Bieten wir selbst Orientierung und Richtung an, sind wir ein Halt?

Und ein drittes Element. Der Advent wird von der Lichtsymbolik geprägt. Als der Advent noch mit Martini begann, eröffnete das Licht, das in die Dunkelheit getragen wird, die Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft des Herrn. Der heilige Nikolaus spendet Licht durch sein Tun. Indem er Menschen vor Tod und Verderben rettet, lässt er das Licht des himmlischen Jerusalems aufleuchten. Die heilige Luzia wird zur Lichtträgerin, weil sie die Hände frei haben will, um Gaben zu Bedürftigen zu tragen. Und die Lichter des Weihnachtsbaumes verweisen auf die Ankunft desjenigen, der von sich sagen wird: „Ich bin das Licht der Welt!”

Und wo ist Barbara Lichtbringerin? Sie ist es zweifach. Indem sie mahnt, sich des immer gegenwärtigen Todes bewusst zu sein und - wie die klugen Jungfrauen im Neuen Testament - wachsam zu bleiben, sensibel für das eigene Versagen, einsichtig für die eigene Schuld, leuchtet sie uns auf dem rechten Weg in den Himmel. In ihr spiegelt sich das Licht der Christusnähe, leuchtet für uns. Eben dies drücken die Barbarazweige aus, in denen uns die Heilige gleichfalls zur Lichtbringerin wird. Was am Barbaratag als Zweige wie tot aussieht, wird in der Heiligen Nacht blühen und das Leben in seiner Fülle zeigen. In den Blüten leuchtet uns das Leben entgegen. In der längsten Nacht des Jahres wird der Sieg des Lichtes angekündigt.

Wer kann die adventliche und weihnachtliche Lichtsymbolik besser verstehen, als die, die im Dunkel des Berges des Lichtes der Orientierung bedürfen?

Auch in Legenden sind „Wahrheiten” zu finden - Wahrheiten, die über den Tag hinaus Gültigkeit besitzen. Diese Wahrheiten sind versteckt. Legenden sprechen in Bildern und Symbolen. Wir sprechen heute direkt, mit Maßangaben und präzisen Zahlen und ohne verborgenen Sinn. Unsere oft oberflächliche Sprache hat wenig Tiefe, kennt oft nur eine leicht verderbliche Aktualität. Wie Pilatus scheuen wir vor der Wahrheit zurück und relativieren: „Was ist Wahrheit?” Unsere literarische Überlieferung, speziell die religiöse, hat aber Tiefen, Wahrheiten, die noch entdeckt werden können.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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