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„Wer auf Narren hoffend blickt, wird in den April geschickt” Der 1. April - ein Tag der Narren und Einfältigen Der Monatsname „April“ und der 1. April als Unglückstag Wer auf den 1. April zu einem Vortrag über das „April schicken“, wie dieser Brauch im 17. bis 19. Jahrhundert genannt wird, aufgefordert wird, und sei es durch ein solch seriöses Unternehmen wie das „Amt für Rheinische Landeskunde Bonn“, muss nachdenklich werden: Soll man etwa selber in den April geschickt werden? Vielleicht nicht der Referent, sondern sein Publikum? Wer weiß schon, was wirklich hinter dem heutigen Auftrag steht! Also Obacht, damit hoffentlich keiner hinten Ihnen oder mir „April, April“ rufen kann. Der Monatsname „April“ und der 1. April als Unglückstag
Der aus dem Lateinischen genommene Monatsname „Aprilis“ soll nach Ovid den Namen von aperire = öffnen haben, weil der Frühling alles öffnet. Weder erklärt dieser Monatsname das mit dem 1. April verbundene Brauchtum, noch tun dies die alternativen Monatsnamen: Ostermonat (Ôstarmânôth), ags. Eósturmônath, Koltenmaen (im holsteinischen (Bordesholmer) Kalender (16. Jh.), nordfries. Feskmuun (Fischmonat), und Puaskmuun, älter Paeschmaend (Ostermonat), in den Niederlanden Grasmaand, im Dän. heißt der April Faaremaaned (Schafmonat), im schwed. Vårant oder Vårmånad, und isl. Gaukmânadr, neuisl. Harpa. Gauchmonat, wie der April auch genannt wurde, scheint sich auf den Kuckuck zu beziehen, der sich um diese Zeit als Frühlingsbote hören lässt. Erwähnt werden außerdem noch die Bezeichnungen Hirtenmonat, Marxmonat (Markus, 25. April) und Stiermonat. Der letzte Begriff ergibt sich wohl, weil im April die Sonne in das Zeichen des Stieres tritt. Auch die Personifikation des Aprils, die in der neuisl. Harpa, in Volkserzählungen und in Wettersprüchen begegnet, bringt keine Lösung: Der so dargestellte April führt niemanden aufs Glatteis. Er wird nur als „Lämmerfresser“ präsentiert, also als ein Monat, der manch neu geborenes Lamm noch das Leben kosten kann. Vielfach gilt aber der erste Tag eines Monats als Unglückstag, drei davon sogar als die unglückintensivsten. An erster Stelle gilt dies wiederum für den 1. April. Als Begründungen werden angeführt: An diesem Tag wurde Judas Iskariot geboren, an diesem Tag erhängte sich Judas Iskariot, an diesem Tag fand der Himmels- oder Engelsturz statt, bei dem Satan aus dem Himmel gestoßen wurde. Die beiden anderen sind übrigens der 1. August, der auch als Tag des Engelssturzes gilt, und der 1. Dezember, weil an diesem Tag Sodom und Gomorra durch Feuer vernichtet worden sein sollen. Bei den verschiedensten Auflistungen von Unglückstagen, meist etwa 40 Tage oder 6 Wochen im Jahr, fehlt der 1. April selten. Nährboden für die Annahme von Unglückstagen bot die Tradition der „dies senatus legitimi“, die von Kaiser Augustus (63 v. Chr. 14 n. Chr.) eingesetzt worden waren, die „dies aegyptiaci“, die zu einem späteren Zeitpunkt in Rom entstanden, sowie andere Quellen, die sich durch Astrologie oder andere Prognostik nährten. Auf sie gehen auch die „Verworfenen Tage“ zurück, die „Schwendtage“, die „kritischen Tage“ oder die „Schicksalstage“. Je nachdem, ob sich eine solche Gruppe mehr auf die „dies senatus legitimi“ oder die „dies aegyptiaci“ berief, war der 1. April enthalten: In der altrömischen Auflistung stand der 1. April, in der späteren der 3. April. In Spanien verulkt man sich übrigens am 28. Dezember, dem Día de los Santos Inocentes (Tag der Unschuldigen Kinder). 1978 trat aus diesem Grund die neue spanische Verfassung erst am 29. Dezember in Kraft und nicht, wie ursprünglich geplant, am Tag zuvor. In Deutschland war der 28. Dezember einmal Kinderbeschenktag und verbunden mit dem Kinderbischofsspiel, dem ludus episcopi puerorum. Auch dies Spiel hat Närrisches an sich, denn das Kleine wird Groß und das Große klein. Das „April schicken“ als Brauch
Auch wenn das erste „April schicken“ in Bayern für 1618 und im restlichen Deutschland für 1631 belegt ist, wird vielfach nicht ohne Grund vermutet, der Brauch sei sehr viel älter. Er lässt sich nämlich im gesamten indogermanischen Siedlungsraum nachweisen. Das Wort „Aprilnarr“ findet sich in Deutschland erstmals in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Im 18. Jahrhundert formuliert Abraham a Santa Clara schließlich in „Etwas für alle“ (1733): „Heut` ist der erste April, da schickt man den Narren wohin man will.“ Der Brauch taucht dann in der Literatur auf, so z. B. Göttingen 21749 im siebenbändigen englischen Roman „Clarissa Harlowe“ von Samuel Richardson (1689 1761), übersetzt von J.D. Michaelis. Hier heißt es: „... sie werden jene dadurch April schicken.“ An einer zweiten Stelle ist formuliert: „So hat sie mich April schicken wollen.“ Und im Mozartjahr mag es uns freuen, dass auch dieses Genie einen Beleg für den Brauch bietet: In „Die Gärtnerin aus Liebe“ sagt 1780 Nardo zu Podestà über Serpetta: „Glaubt nicht an die Lügen des losen Mädchens, sie will euch schicken in den April!“ Auch Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) greift das Thema auf: „Willst du den März nicht ganz verlieren, so lass nicht in April dich führen. Den ersten April musst überstehen, dann kann dir manches Gute geschehen.“ Eine Variation dazu bietet die Schweiz. Der Tessiner Bundesrat Stefano Franscini (1796 1857) schreibt 1835 statt vom „April schicken“ als „in die Kalenden schicken“. Jean Paul (1763 1825, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter) benennt den Brauch in seiner Geschichte „Das heimliche Klagelied der jetzigen Männer“ als „in Aprilnarrenhaus verlaufen“. Das Wort „Aprilscherz“ scheint allerdings erst im 19. Jahrhundert aufgekommen zu sein. Das Wörterbuch der Gebrüder Grimm kennt diesen Begriff noch nicht. Das Verbalsubstantiv zum Verb „scherzen“ entspricht dem lateinischen jocus; es ist entlehnt aus dem Tierreich, wo es ursprünglich die Munterkeit und das Springen der Tiere bezeichnet. Auf den Menschen übertragen nimmt es die Bedeutung von Munterkeit und lustiges Wesen an und wird zu fröhlichem Tun. 1578 formuliert Sachs: Oder bei Weckherlin heißt es in einem Brautlied: Diese liebeständlerische Variante des Wortgebrauchs wird erweitert um Witzwort, witzige Rede, die eine Posse, Belustigung oder Zote voraussetzt. Das Wort bekommt die Bedeutung von boshaftem Scherz und die Qualität des Geringfügigen, vgl. J.W. v. Goethe: Erweitert wird der Wortsinn noch im Sinne von Spott und Scherzen, die sich nicht ziemen. Epheser 5, 4 lautet heute: Entsprechend lautete dieser Text im 19. Jahrhundert noch: Luther formulierte nach den Tischreden: Bei Gryphius heißt es: Mark Twain sah den 1. April selbstkritisch als er notierte: Während der „Aprilsscherz“ eine Formulierung des 19. Jahrhunderts ist, kann das „April schicken“ seit dem 17. bis in das 19. Jahrhundert belegt werden. Seit dem 19. Jahrhundert heißt es dann „in den April schicken“. Im Mittelpunkt des Brauchs steht der „Aprilnarr“, wobei nicht endgültig geklärt ist, wer er ist, denn zum „April schicken“ gehören zwei: Einer, der sich schicken lässt, und einer, der schickt. Gewöhnlich wird der, der sich schicken lässt, als Aprilnarr bezeichnet, gleichwohl er ja auf den (hoffend) blickt, der ihn schickt. Nach Abraham a Santa Clara blickt er auf einen Narren. Aber weil die klassischen Narren sich nur selber sehen im Spiegel oder der Marotte muss man diesen Seitenweg nicht gehen. Im Angelsächsischen heißt der 1. April „All fools’s day“ (Aller Narren Tag) und das Aprilschicken „making an April fool“ (einen Aprilnarren machen). Der Aprilnarr ist keineswegs der klassische Narr weder ein Hofnarr des Mittelalters oder der Klassik (lat. scurrae) noch ein selbst gemachter Narr, ein Schalknarr, in der Fastnacht, der nach Psalm 53, 2 einen Gottesleugner spielt, weil er in seinem Herzen sagt: „’Es gibt keinen Gott.’ Sie handeln verwerflich und schnöde; da ist keiner, der Gutes tut,“ konstatiert die Bibel. Der Aprilnarr taucht weder mit der Gugel noch mit Pauken und Schellen auf oder produziert Heidenspektakel. Er scheint völlig normal zu sein. Prägend für den Aprilnarren ist jedoch heute,
Narr ist er also heute nicht, weil er sich freiwillig zu einem solchen erklärt, wie der Fastnachtsnarr. Im Gegenteil, er will überhaupt nicht närrisch sein. Er lässt sich aber dadurch zum Narren machen, dass er einen Narrenauftrag, später Aprilscherz genannt, als solchen nicht erkennt. Solange dies aber unbekannt bliebe, hätte es keinen Effekt. Darum gehört das Bekanntmachen der Eselei durch den Initiator des Aprilscherzes notwendig dazu. Der Aprilnarr heißt synonym auch Aprilgeck er Apriljeck. Dieser über den lat. jocus entstandene und mit dem neudeutschen Jux verbundene Begriff hat im Englischen den „gock“, auch „April fool“ ausgebildet. In den romanischen Ländern ist der Fisch das Bild für den Aprilnarren: In Frankreich der „poisson d’Avril“, in Italien „il pesce d’aprile“. Der Fisch, der sich an den Haken locken lässt, wenn ihm der Köder passt, erscheint als ein dummes Tier, das sich leicht hereinlegen lässt. Das gilt auch für die übrigen Tiere, mit denen man die Aprilnarren bedenkt: Aprilaffe, Aprilbock, Aprilesel, Aprilkalb, Aprilochse oder, ganz allgemein, Apriltier. Als personifizierter Aprilscherz kann der Aprilnarr auch selber als „Aprilscherz“ tituliert werden.
Zunächst muss festgehalten werden, dass es den Aprilscherz nicht gibt, weil er in sehr verschiedenen Ausformungen besteht. Differenzieren kann zwischen folgenden Erscheinungen:
„Hättest Du den Brief nicht aufgemacht,
Hühnerzähne, Taubenmilch, Krebsblut, Dukatensamen, Büberlsamen, Ipitum (= Ich bin dumm) oder Ohwiedumm, Augenmaß, Mückenfett, Hahneneier, Gänsemilch, gedörrter Schnee, Stecknadelsamen, schwarze Kreide, Buckelblau oder Haumichblau, rosagrüne Tinte, gerade Häkchen, gehackte Flohbeine, Kuckucksöl, gesponnener Sand, Kieselsteinöl, Mystifit ... Die zunehmende Technisierung spiegelt sich in anderen Objekten: Hölzerne Holzschlägel, Dachschere, Betonhobel, Gewichte für die Wasserwaage, Böschungshobel, Drei-Wege-Antenne, von außen verstellbare Innenspiegel, ein Globus von Europa ... Es konnte auch der Auftrag erteilt werden, einen Windsack zu besorgen. Dem Aprilnarren in spe überreicht wurde dann ein mit Stroh gefüllter Sack, in dem etliche Wackersteine verborgen waren, so dass der Wind von bemerkenswertem Gewicht war.
Medial inszenierte Aprilscherze
Das Medienzeitalter bringt es mit sich, dass der Aprilscherz Gegenstand der Medien wird. Alle Varianten sind dabei denkbar: Es wird zu einem Treffen eingeladen, das sich als Aprilscherz herausstellt, es werden Berichte und Fotos vorgelegt („Außerirdische“), die Leichtgläubige für wahr halten usw.
Auch neue Technik bietet immer wieder eine Fülle reizender Möglichkeiten:
Manchmal haben Aprilscherze Nebenwirkungen:
Und manchmal kommen die Aprilscherze sogar von der Kanzel:
Der Bericht über die Auswirkung eines Aprilscherzes kann selbst wieder zu einem Aprilscherz mutieren, wie die nachfolgende Erzählung, die in der Literatur kolportiert wird, belegt: In einer ungarischen Stadt nahmen sich im 19. Jahrhundert zwei Frauen, Mutter und Tochter, das Leben. Unter dem 1. April war ihnen aus Budapest berichtet worden, dass ihr dort eingerückter Sohn respektive Bruder vom Militärgericht zum Tode verurteilt worden sei, weil er mit abgetretenen Schuhabsätzen herumgelaufen sei.
Den wohl weltweit aufwändigsten Aprilscherz hat sich Dr. Ulrich Harbecke, damals Leiter der Programmgruppe Religion/Philosophie im WDR-Fernsehen, am 1. April 1997 geleistet. Für diesen Tag angekündigt war „die Welt-Uraufführung einer bisher unbekannten und unter abenteuerlichen Umständen wiederentdeckten Komposition von Franz Schubert, kein schlichtes Gelegenheitswerk, kein ‚Moment musical’, sondern eine ausgewachsene Messe in C-Dur für Soli, Chor und Orchester, ein ,Bekenntniswerk großen Stils’ das mit einem Schlage alle Werkverzeichnisse und Biografien des Wiener Meisters alt erscheinen lasse“. Die angesichts einer Welturaufführung eines Klassikers vibrierende Schar musikalischer Gourmets war entzückt: Im Schubertjahr hatten sie miterlebt, wie ein klassisches Werk des Meisters, voll überraschender Harmonien, von zartem Schmelz bis zu dramatischen Bögen, wie Dornröschen zum Leben wach geküsst wurde. Am 2. April gab der Sender dann bekannt: Das Werk war das Ergebnis einer Wette, ob es gelänge, ein musikalisches Werk zu verfassen, das auf unbefangene Zuhörer eine Wirkung ausübe, wie ein klassisch-romantisches Werk - ein hintergründiges Experiment „am lebenden Objekt“. Und wirklich, im Nachhinein: Was hat der Zuhörer gehört? Hört man unter der Annahme bestimmter Fakten anders? Prägt die Erwartungshaltung das Dargebotene derart, dass eine kritische Rezeption unterbleibt? Zwar glühten am 2. April die Telefondrähte, aber richtig böse war nur eine Anruferin, die allerdings die offenbarte Wahrheit leugnete: Da habe dieser Harbecke nun eine echte Schubert-Partitur gefunden und wolle sie nun unter seinem eigenen Namen veröffentlichen. Vom Fernsehen sei man ja schon einiges gewöhnt. Das sei aber nun wirklich der Gipfel! Spottverse auf den Aprilnarren
Wir hatten schon festgehalten, dass es für den Brauch nicht reicht, sich zum Esel zu machen. Es muss auch der Welt verkündet werden. Hierzu gehört das Verhöhnen, das wiederum in Formeln stattfindet. „April, April“ lautet die Grundformel, mit der der Öffentlichkeit die Narretei angezeigt wird. Eine Kaskade weiterer Spottverse kann sich dann über den Angeführten ausgießen: April, April, de Katz schitt, watt se will. Angeführt, mit Butter geschmiert, mit Käse geleckt, hat`s gut geschmeckt? Angeführt mit Löschpapier Heute ist der 1. April, da schickt man die Narren, wohin man will. Aprilgeck, Aprella-Narr! Am 1. April Das ist ein Narr, der sich nimmt an, Mit Narren ist schlimm spaßen. Wer einen Narren schickt, Aprilnarr Wer auf Narren hoffend blickt, Wenn eine Sache geschehen ist, In der Pfalz hatte man wenig Hoffnung auf die Belehrbarkeit der Narren und formulierte deshalb: „...schickt man se an de Rhei(n), falle se ennei (hinein)“. Etwas mehr Hoffnung macht der folgende Kinderreim: Man schickt am 1. April Ungleich zahlreicher noch als die Spottverse über den Aprilnarren sind Reimsprüche über den Narren überhaupt. Entschädigung für den Aprilnarren Wer einen anderen in den April geschickt hat, muss sich nachher nicht für sein Tun entschuldigen. Trotzdem scheint es in einer Vielzahl von Fällen dazu gehört zu haben, nach vollbrachter Tat das Opfer zu entschädigen durch eine Einladung auf ein Glas Bier, ein Gläschen Schnaps oder einen Schoppen Wein. Wer so wieder in die Gemeinschaft einbezogen wird, wer in dieser Runde sich über seine eigene Narrheit wundern kann, wer sich von anderen erzählen lässt, wie sie selber einmal hereingelegt wurden, der lässt sich eben leichter wieder in die Rolle eines Normalen zurückführen. Sichergestellt wird so: Der Aprilnarr ist ein Narr auf Zeit, einer, der sein Narrsein als närrisch erkennt und keinesfalls ein Narr bleiben will. Zum Ursprung des Aprilscherzes Erklärungsversuche zum Ursprung und Sinn des Aprilscherzes gibt es viele:
Dies ist aber wenig wahrscheinlich, weil der Brauch in Gegenden beheimatet ist, in denen die Wetterlage im April stabil ist.
Weil aber Einfältige und Dumme Objekte des Aprilscherzes sind, kann man sie wohl kaum mit Jesus Christus gleichsetzen.
Auf diese Erklärung kommen wir gleich noch zurück.
Allen Erklärungsversuchen gemein ist, dass sich der Brauch nicht unwiderlegbar zuweisen lässt. Von den benannten acht scheint mir der Hinweis auf das Frühlingsbrauchtum nicht unwahrscheinlich zu sein. Hypothetisch sei mir aber auch die religiöse Erklärung zu erläutern gestattet. Der 1. April war unter den von Kaiser Augustus anerkannten Unglückstagen der schlimmste, warum auch immer. Ein so über Jahrhunderte akzeptierter Unglückstag ließ sich von den späteren Christen, die ja nicht weniger, aber nur anders abergläubisch waren, nicht mir dieser Begründung übernehmen. Es gab also eine neue religiöse und zum Christentum passende Erklärung: Es ist der Geburtstag von Judas Iskarioth, um nur diese Variante zu wählen. Mit diesem behaupteten Faktum verbunden wird die Folgerung: Wenn Judas Iskarioth an so einem Tag Geburtstag hat, kann das nur ein Unglückstag sein. Ein Unglückstag ist ein Tag, an dem der Teufel alle Macht hat. Hat er sie, versucht er an diesem Tag alle die, die noch die Seinen sind, zu fangen. Die Seinen dagegen sind sicher: Warum sollte er sie ein zweites Mal umgarnen? Die ihm Verfallenen, also diejenigen, die Gott leugnen, sind durch Narrheit gekennzeichnet (Psalm 53). Schlussfolgern kann man also: Wer sich als Narr ausgiebt, ist am 1. April vor den Anfeindungen des Teufels geschützt. Stimmt diese Hypothese, dann ist der Aprilnarr im Mittelalter ein selbst gemachter Narr, der sich vor der Macht des Teufels an diesem Tag zu schützen sucht. Der Aprilscherz als eine Methode der Aufklärung?
Lassen Sie mich bitte diese Erklärungsversuche mit einem weiteren Akzent versehen. Es fällt auf, dass der Aprilscherz Ende des 18. und im 19./20. Jahrhundert eine Art pädagogischer Zeigefinger-Charakteristik annimmt. Der Aprilnarr macht sich nicht mehr selber und direkt zum Narren, sondern er wird dazu gemacht. Der Aprilscherz wird oberlehrerhaft, indem er den Naiven ihre Naivität öffentlich vorführt. Die - meist jugendlichen - Nasgeführten werden bloßgestellt wie die Schüler, die mit Eselsohren „geschmückt“, einer Eselsmütze bekleidet oder auf einen Holzesel gehievt wurden. Hier sind es nicht mehr Schüler, sondern Lehrlinge, Auszubildende, die mit Absicht, mit pädagogischer Absicht, blamiert werden. Und derjenige, der die Naiven zum Narren macht, ist der vermeintlich Gebildete, der Lehrer, der Meister, der Professor. Diese Form des „April Schickens“ könnte, so will ich es einmal hypothetisch formulieren, ein Ritual der Bildungsbürger sein, das sich auf der Hintergrundfolie der erfolgten Aufklärung darstellt. Ein Narr ist nun der Trottel, der Tropf, der Herr von Dummbach zu Schafhausen, der sich als zeitunangepasst und unaufgeklärt erweist, indem er sich dem Erkenntnisstand seiner Zeit verweigert. Der Aprilnarr ist so der Ewiggestrige, einer, der nicht auf der Höhe der Zeit ist, der überholten Phantasien nachhängt, sich leicht ins Bockshorn jagen lässt. Und im sicheren Wissen um die eigene Gelehrsamkeit, mag sie auch noch so dünn sein, gestattet sich dieses Bildungsbürgertum, den vermeintlich Dummen öffentlich und zur Abschreckung als Trottel vorzuführen, damit man nicht wird wie jener. Der Aprilnarr könnte auch der Aprilnarr früherer Zeiten sein: Einer, der an überholtem Aberglauben festhält und durch einen Aufgeklärten nachhaltig aufgeklärt werden muss. Der Aprilscherz und die Religion Das Judentum kennt einen Brauch zum 1. April nicht. Aber bis zum Islam ist der Aprilscherz inzwischen vorgedrungen, denn der saudi-arabische Groß-Mufti Sheik Abdul Aziz bin Abdullah Al al-Sheik appellierte an alle Muslime, sich nicht an Aprilscherzen zu beteiligen. Das Lügen sei Muslimen streng verboten. Davon gebe es nur drei Ausnahmen: Krieg, das Versöhnen von Menschen und die Ehrenrettung der Familie. Innerhalb des Christentums ist der Aprilscherz bei den Katholiken unstrittig, natürlich solange niemand müssen muss. Theologische oder pastorale, ethische oder exegetische Gründe gegen diesen Brauch werden nicht geäußert. Die evangelischen Geschwister sprechen nicht mit einer verbindlichen Stimme, so dass man nur die zitieren kann, die sich in der Sache äußern. Naturgemäß sind das viel weniger als wirklich eine Meinung dazu haben. Zumindest die Evangelische Landeskirche in Baden hat eine Meinung zum Aprilscherz geäußert und hält es für ein Ereignis auf einen „für die Kirchenjahreszeit reichlich unpassenden Tag“, in der eher unfröhlichen Zeit vor Ostern. Sie fragt sich, ob diese Terminierung ein humortechnisch perfektes Timing ist oder ein Affront gegen religiöse Ernsthaftigkeit. Und angesichts des „seltsamen Brauchs,“ Menschen in den April zu schicken, beruhigt man sich selbst: Nein, der Aprilscherz wird von (evangelischen) Christen nicht als Affront empfunden und selbstkritisch wird resümiert, „obwohl uns [evangelischen] Christen oft eine gewisse Humorlosigkeit unterstellt wird. Und tatsächlich tun wir uns manchmal schwer mit diesem Thema.“ Nach etlichen Zeilen diffizilster Problembewältigung entringt es sich geradezu eruptiv der reformatorischen Seele: „Auf jeden Fall macht es Spaß, jemand anderen, ‚in den April zu schicken.’ Und es gibt keine biblischen Einwände dagegen.“ Gott sei Dank, schnauft hier der Katholik beruhigt auf, bereits gebeutelt von ökumenischen Verlustängsten, um erst dann den aus tiefster protestantischer Rhetorik gespeisten Schlusssatz zu lesen: „Allerdings [gibt es ] auch nicht sehr viel, was dafür spricht.“
Aus subjektiver Sicht und ohne die Basis einer eingehenden Befragung wird man generalisierend feststellen dürfen, dass das „in den April schicken“ in der Form, wie es bis nach der Mitte des 20. Jahrhunderts üblich war, heute eher abnimmt. Heute schicken sich eher Kinder untereinander in den April falls sie es überhaupt noch tun. Erwachsene schicken sich in den April, wenn sie sich kennen und necken. Das von Erwachsenen vollzogene Vorführen dummer Kinder/Lehrlinge/Azubis/Studenten scheint auszuklingen. Hinsichtlich des Aprilscherzes scheint man zu medial inszenierten Aprilscherzen übergegangen zu sein. Ein entscheidender Transmissionsriemen für eine stärkere Agilität des Brauches fehlt in Deutschland: Es gibt beim Aprilscherz keine zu organisierenden Massenveranstaltungen, keinen Alkoholkonsum, keine vorgeschriebenen Festformen, die industriemäßig produziert und verkauft werden könnten oder auch nur eine Blumenschenkpflicht, die sich ausnutzen ließe. Selbst die in den USA unvermeidlichen Grußkarten zum „All fools’ day“ fällt in Deutschland aus. Die Kommerzialisierung des Aprilscherzes ist also nicht gegeben, weshalb er auch nicht vermarktet wird. Dazu beitragen mag wohl auch die Begründung für diesen Tag: An einen Unglückstag mag unsere abergläubische Gesellschaft sicher noch gerne glauben, dass sich dieser durch den nicht belegten Geburtstag eines Judas Iskariot ergebe, entzieht sich jedoch dem Verständnis des größten Teils unserer Gesellschaft. Was bleibt, ist die Feststellung, dass das Phänomen „Aprilscherz“ bislang noch weitgehend unaufgearbeitet ist. Es bleibt noch viel zu tun! © Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln |
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