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Von den Magiern zu den heiligen drei Königen

Von den Magiern zu den heiligen drei Königen Caspar, Melchior und Balthasar unterwegs durch die Zeit

Das Erzbistum Köln ist in besonderer Weise mit den heiligen Drei Königen verbunden kann doch der Dom selbst gleichsam als ein großes Gefäß für den Drei-Königs-Schrein, der kostbarsten Goldschmiedearbeit des Mittelalters, gedeutet werden. Das Drei-Königs-Fest am 6. Januar gehört zum weihnachtlichen Festkreis. Im Vordergrund dieses Tages steht aber die Epiphanie, die historisch greifbare Erscheinung Gottes in Jesus Christus. Die Geschichte des Epiphaniefestes ist höchst verschlungen. Im Abendland wurde die Anbetung der Magier ursprünglich dem Weihnachtsfest selber zugeordnet. Doch schon im vierten Jahrhundert trennte sie sich vom Festinhalt des 25. Dezember ab. Auf diese Weise galten die Magier als die ersten Heiden, die die Erscheinung Gottes in dem neugeborenen Kind bezeugten: Gott ist allen Menschen erschienen. In Gallien und Oberitalien hatte das Fest einen anderen ursprünglichen Inhalt, nämlich die Taufe Jesu im Jordan und dessen erstes Wunder, das Weinwunder auf der Hochzeit zu Kana. Nach der Einführung des Weihnachtsfestes gesellte sich zu diesen Inhalten die Huldigung der Magier hinzu.

Der bekannte Genremaler Jan Steen (1626-1679) stellt hier zeitgenössische Sternsinger dar. Typisch ist der leuchtende Stern, der sich drehen lässt. Das Bild befindet sich in Privatbesitz.

Diese Festinhalte sind Belege für christliche Inkulturation. Denn sie deuteten und formten heidnische Feste um. So feierte Alexandrien in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar die Geburt Äons, des Gottes der Zeit und der Ewigkeit. Die Sage, nach der am 6. Januar Dionysos, der Gott des Weines, erschien, um Wasser in Wein zu verwandeln, deuteten die Christen auf das Wasser der Taufe Christi und das Wunder von Kana. Die enge Bindung der beiden Feste, der Menschwerdung Gottes und seiner Erscheinung vor der ganzen Welt - repräsentiert durch die Magier -, ließ die zwölf Tage, die zwischen ihnen liegen, schon bald als heilige Zeit gelten, in denen Arbeit und Gerichtsbarkeit zu ruhen hatten.

In der Volksfrömmigkeit des Mittelalters traten die heiligen Drei Könige so stark in den Vordergrund, dass der 6. Januar fast nur noch Drei-Königs-Fest hieß. Erst recht nach der Überführung ihrer Gebeine von Mailand nach Köln durch Erzbischof Rainald von Dassel 1164 erhielt die Verehrung der Könige großen Aufwind. Die Geschichte Kölns stand fortan mit den Drei-Königs-Reliquien in einem engen Zusammenhang. Weil der Schrein im Mittelalter zahllose Pilger anzog, wurde Köln zu einem der großen Pilgerziele Europas und verdankt den Magiern daher einen gewaltigen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Aufschwung. Nicht umsonst schmücken noch heute drei Kronen das Stadtwappen. Genau 200 Jahre nach der Überführung der Gebeine versuchte der Karmelitermönch Johannes von Hildesheim zu begründen, warum ausgerechnet Köln auserwählt sei, die Reliquien zu beherbergen. Keine andere Stadt - so spendete die Erklärung Labsal auf die Seele der Kölner Bürger und Priester - sei mit solch würdigem Volk und mit solch frommen Dienern Gottes ausgezeichnet.

Als einziger der Evangelisten berichtet Matthäus von den Männern, die aus dem Osten kommen, um das Kind anzubeten. Doch ist bei ihm weder von Königen noch von der Dreizahl die Rede. Erstmals spricht der griechische Kirchenlehrer Origines (+ um 254) von drei Magiern. Deren Zahl ist offenbar beeinflusst durch die Geschenke, die Matthäus erwähnt: Gold, Weihrauch und Myrrhe. Die Bezeichnung der drei als Könige ist indes erst seit dem 6. Jahrhundert nachweisbar. Drei Jahrhunderte später erhalten die Könige Namen: Caspar, Melchior und Balthasar. Eine Hochblüte erlebte das Drei-Königs-Fest im 15. Jahrhundert. Von den Krippenspielen beeinflusst, wirkte es in Volksglauben und Umzügen lange nach. Auf die Könige ließen sich sowohl die biblischen Rassen (Semiten, Chamiten und Japhetiten, die Nachfahren der Söhne Noachs) als auch die drei Lebensalter typisierend verteilen. Nachhaltiger wirkte jedoch die Zuordnung zu den drei bekannten Erdteilen. So wurde Caspar seit den spanischen und orientalischen Kreuzzügen zum Mohrenkönig. Wegen seiner oft bizarren Ausgestaltung, vor allem bei Dreikönigsspielen, avancierte er zu einer beliebten Volksfigur und fand sogar Eingang ins Puppenthater - als das ins Komische gekehrte Kasperl.

Der Brauch, den Türbalken mit der Zeichenfolge „C + M + B” (und der Jahreszahl) zu markieren, ist ursprünglich ein Abwehrsegen zum Jahresbeginn, der einen heidnischen Schutzzauber verchristlichte. Um Unbill von Haus und Hof fernzuhalten, nahm der Hausvater am Vorabend des Festes die Bezeichnung vor, während die Hausmutter zu dem gleichen Zweck alle Räume ausräucherte. Eigentlich stehen die Buchstaben für „Christus mansionem benedicat” (Christus segne dieses Haus). Doch dem Volk erschienen die legendären Namen der Könige anschaulicher. Überhaupt schrieb das späte Mittelalter den drei Königen mancherlei Schutzfunktionen zu. Im kölnischen Raum waren Drei-Königs-Zettel im Gebrauch, deren Besitz vor Ungemach bewahren sollte. Manche Glocke trug zur Abwehr von Unwetter die als Initialen der Könige gedeuteten Buchstaben. Noch im 18. Jahrhundert waren Drei-Königs-Bannsprüche gegen Feuer, Seuchen und Unfälle verbreitet. Selbst noch heute gebräuchliche Gasthausnamen wie „Zur Krone” oder „Zum Stern” knüpfen an mittelalterliche Reisesegen an. Mit dem Drei-Königs-Tag als Jahresbeginn hängen auch Losbräuche der Zukunftserforschung zusammen. Noch heute ist es in einigen Regionen an diesem Tag üblich, ein Metallstück oder eine Bohne in einen Kuchen einzubacken, um den zu ermitteln, dem das Glück im neuen Jahr besonders geneigt sein werde, oder - auf die Heiligen Drei Könige umgedeutet - um herauszufinden, wer für einen Tag König sein dürfe.

Das Sternsingen breitete sich im 16. Jahrhundert im Zuge der Gegenreformation aus. Den Quellen nach haben Kloster- und Chorschüler an Bischofssitzen und Stiften den Brauch eingeführt. Mit Alben, Kronen, Weihrauchfass und drehbarem Stern versehen, zogen die Sänger von Haus zu Haus, trugen überlieferte Sprüche und Lieder vor und erheischten Gaben. Die reformatorische Kritik an der Verehrung der Könige fand im Sternsingen und in Dreikönigsspielen eine katholische Antwort. Inzwischen haben in vielen Pfarrgemeinden katholische Jugendgruppen den alten Brauch wiederaufleben lassen. Nicht mehr für sich selbst erbitten sie heute Gaben, sondern für Projekte in Entwicklungsländern, die Kindern zugute kommen. In Deutschland koordiniert seit 1959 das Kindermissionswerk in Aachen die Sternsinger-Aktion.

Neben dem Sternsingen erinnert heute noch das Krippenbrauchtum an die heiligen Männer. Seit jeher boten sie Möglichkeiten zu szenischen Veränderungen der Krippe. Zunächst am Rand stehend, rücken sie täglich näher zur Kerngruppe heran, um ihr Reiseziel auch optisch erkennbar werden zu lassen. Gestalt und Ausstattung der Könige sind bei allen Unterschieden tradiert. Oft läßt sich noch eine Linie bis zur Beschreibung des englischen Mönches und Kirchenlehreres Beda Venerabilis nachempfinden, der um 700 die Magier genaustens zu beschreiben wusste und sie sowohl den drei Lebensaltern als auch den drei bekannten Erdteilen zuordnete: Der junge Caspar vertritt als Schwarzer Afrika; der greise Melchior ist geschmückt wie ein europäischer König; Balthasar steht in den besten Jahren und repräsentiert den asiatischen Kontinent. Dass zuweilen auch Balthasar der älteste der Könige sein kann, geht auf den großen ikonographischen Einfluß des „Altars der Stadtpatrone” (1445) von Stephan Lochner zurück, der seit 1809 unter dem traditionellen Namen „Kölner Dombild” den Dom schmückt.

© Prof. Dr. theol. Manfred Becker-Huberti, Köln
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